Wahrscheinlich doch ein Meteor…

25 octobre 1946
Die verschiedenen Beobachter, welche die Himmelserscheinung vom Dienstagabend mit aller Bestimmtheit als irgendein Produkt der Kriegstechnik bezeichnet haben, als V-Geschoß, Flügelbombe, Raketengeschoß usw, werden hinterher an der Richtigkeit ihrer Prognose doch zu zweifeln beginnen, wenn sie erfahren, wo überall zur gleichen Zeit das seltsame Feuerwerk gesehen worden ist. Vom Bodensee bis in den Pruntruter Zipfel und von Mülhausen bis Bern liegen jetzt Meldungen vor, und es besteht gar sein Zweifel, daß es sich überall um dieselbe Erscheinung handelt, obschon die Beschreibungen nicht exakt übereinstimmen und in der Zeitangabe Differenzen von 2 bis 3 Minuten bestehen. Man muß sich aber nur vergegenwärtigen, wie ungemein schwierig es ist, derartige Vorgänge am Himmel, die zunächst einmal sehr stark überraschen, in ihrer Art und ihrem Verlauf blitzschnell zu erfassen und sich einzuprägen und sie hernach aus der Erinnerung heraus genau zu schidern. Soviel wir uns erinnern können, haben sich in dem für uns durch Dächer und Baumkronen ziemlich begrenzten Ausschnitt am Himmel der der Schausplatz der Erscheinung war, mit ungeheurer Schnelligkeit gleichzeitig eben mehrere Vorgänge abgespielt.

Und nun einige Schilderungen. Dem "Bund" meldet ein Leser, "er habe am Dienstag kurz vor 22 Uhr über der Stadt Bern in Richtung West-Ost eine stark leuchtende Kugel streichen sehen, die für einige Augenblicke den Himmel taghell erleuchtete. Ein nachleuchtender Schweif sei noch mehrere Minuten später schlangenartig zu sehen gewesen".

In bezug auf dieses langsame Abklingen der Erscheinung stimmt ein Bericht überein, der uns aus dem solothurnischen Himmelried zugegangen ist. Man hat dort zuerst einen hellen Streifen gesehen. Hernach gab es eine Explosion, es wurde alles blendend hell, wie von einem grellen Blitz überstrahlt, und als die blitzartige Erscheinung verschwand, verblieb an ihrer Stelle ein heller Streifen zurück, der nach und nach blasser wurde und erst nach einer Viertelstunde verglomm.

Eine Leserin aus Riehen meldet uns, daß auch sie, wie einige andere Beobachter, gleichzeitig oder kurz nacheinander mehrere Farben - rot, grün und weiß - gesehen habe, weshalb sie an ein Feuerwerk erinnert worden sei. Die Bewegungsrichtung war Ost-West. Ein Vergleich mit Sternschnuppen sei nicht zutreffend, obschon in der Nachbarschaft eine Männerstimme so prosaisch als geistesgegenwärtig gerufen habe : "Winsch der jetz ebbis!"

Einen sehr unheimlichen Eindruck hatte dagegen eine geschätzte Mitarbeiterin, die gegen 10 Uhr abends gerade über den Münsterplatz nach Hause ging. Sie rekognoszierte die Erscheinung als V-Geschoß, das in gerader Richtung über den Rhein kam und die Form einer Brandbombe hatte, vorne hellblau, gegen den Schwanz grünlich und dann hellgelb war. Eine "Sternschnuppen"-Absplitterung wurde von ihr nicht beobachtet.

Als fliegende Bombe wird das Ding auch in einer Notiz aus dem aargauischen Mellingen bezeichnet, die im "Reußboten" zu lesen ist : "Dienstag abend um 10 Uhr, flammte es am Abendhimmel plötzlich hell auf, worauf dann in Richtung Ost-West ein längliches Lichtgebilde mit einem Schwanz, ähnlich der Flügelbombe, davon schwebte. Die Erscheinung war dermaßen deutlich sichtbar, daß eine Möglichkeit, es könnte sich um Sternschnuppen handeln, abgelehnt werden muß." Punktum!

Der "Thurgauer Zeitung" wird aus Kreuzlingen gemeldet, daß auch dort "das seltene Phänomen mit Staunen wahrgenommen" worden sei, und vom Grenzwachtkommando Basel erhalten wir ferner die Mitteilung, daß einige Posten in Pruntruter Zipfel dieselben Beobachtungen wie die bereits aus Schönenbuch, Benken und Rodersdorf gemeldeten gemacht haben. So viel über die Wahrnehmungen in der Schweiz.

Im Elsaß und im übrigen Frankreich ist man schon ein wenig nervöser, da gegen Mitte September alarmierende Meldungen durch die Presse gingen, wonach in der Gegend von Longwy und hernach in der Gegend Nancy zur Nachtzeit so etwas wie Raketenflugzeuge unbekannter Herkunft beobachtet worden seien. Unetr dem Titel "Eine geheimnisvolle Rakete über Mulhouse gesichtet", veröffentlicht der "Républicain" eine Schilderung des Maires von Bourtzwiller, einem nördlichen Vorort Mülhausens, worin es heißt : "Es war genau 21.56 Uhr, als ich von einen Dienstgang heimkommend, der Sulzerstraße entlang in Richtung Bourtzwiller fuhr. Plötzlich erschien am Sternenhimmel ein dicker, feuriger Schweif, der das Aussehen einer glühenden Eisenstange hatte. In der Perspektive gesehen, war die Erscheinung etwa 30 Meter lang und 10 Zentimter dick und schien, aus Richtung Belfort kommend, vertikal auf die Dollerbrücke zu fallen. In der Herkunftsrichtung hinterließ die Rakete sprühende Funken, die im Herunterfallen erloschen. In der Zielrichtung, gegen den Rhein zu, erschien eine große Feuerkugel, welche bald erlosch. Erst nachher bekam die Feuerstange an beiden Enden eine bläuliche Farbe wie Bengalfeuer, um sich allmählich zu verdünnen und dann ganz zu erlöschen. Ich überlasse es Fachleuten aus diesen genauen Angaben festzustellen, welche unheimlich stille Aufgabe dieses Geschoß zu erfüllen hatte".

Die Deutung der Himmelserscheinung geht also stark auseinander, vom gemütlichen "Winsch der jetz ebbis", wie man beim Anblick von Sternschnuppen zu sagen pflegt, bis zu der unheimlichen Auslegung, die im "Républicain" zum Ausdruck kommt. Sicher ist, daß die Erscheinung vom Dienstagabend nicht in das Bild eines "normalen" Meteors hineinpaßt. Aber es gibt eben, so versichern die Fachgelehrten, auch unter den Meteoren Ausnahmeerscheinungen, und vorläufig zwingt nichts zu der Befürchtung, daß es sich um etwas anderes als um eine solche meteorartige Ausnahmeerscheinung gehandelt habe, über deren Großartigkeit der unbefangene Beobachter erstaunt und zugleich entzückt sein konnte.
Source: 
Basler Nachrichten

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